Der wilde Jäger
Es sind die Überreste seines Rosses, auf dem er so manche Freveltat beging. Der Ort wurde von jedermann gemieden. Nur aus der Ferne sah man scheu auf die bleichen Gebeine hin. - Aber in den Quatembernächten und auf Walpurgis war das Gerippe stets verschwunden, und dann sauste Konrad als wilder Jäger auf ihm durch die Lüfte.
War der nächtliche Jagdritt zu Ende, dann sah man die bleichen Knochen wieder an Ort und Stelle liegen. - Oft wurde der wilde Jäger gesehen. Es ist ein schauerlicher Zug, der mit Pferdegewieher, Pfeifen, Hundegebell und Katzenschreien und weithin tönenden Johorufen wilder Gestalten von der Burg aus über Eimerstall durch die Faremessau über den alten Burgkeller nach der Langenhardt braust und hinsaust durch die Wälder und von da wieder zurück, den Fockenbach aufwärst bis zum Teufelsstein.
Es sind entsetzlich wilde Gestalten, die blitzschnell reiten, unförmliche Riesen; ehemalige Heidenseelen, Unholde ohne Köpfe auf feuerschnaubenden Rossen. Dann kommt der „Wilde Jäger" selbst, vor ihm eine große Eule und hinter ihm riesige schwarze Hunde, zuletzt eine Schar winziger Zwerge, die mit wildem Johorufen das wilde Heer zur größten Eile antreiben, Alles schreit, wütet, heult durcheinander.
Der wilde Jäger selbst ist eine schrecklich aussehende Gestalt, nur aus Knochen bestehend, mit tiefliegenden Augenhöhlen, aus denen Feuer glüht. Schauerlich klappern die dürren Gebeine von Pferd und Reiter aneinander, wenn er durch die Lüfte galoppiert. Wehe dem nächtlichen Wanderer, der dem wilden Heere in den Weg kommt und sich nicht rechtzeitig verbirgt.
Er wird durch die Luft mitgeführt, bis beim ersten Klange der Morgenglocke das wilde Heer zerstiebt. Dann finden sich solche Unglückliche gewöhnlich auf der Kihren-Rühr liegend, und sie erwachen dort wie aus einem schweren Traume.
Am Morgen liegt dann das gewaltige Pferdegerippe, gerade als wenn nichts geschehen wäre, unter dem Felsen im Eimerstall, an der vom Volke gemiedenen Stelle, ein Gegenstand geheimen Grauens. - Zwei Männer von Niederbreitbach waren einst bei der Arbeit am Kohlenbrennen im Burgwalde. Soeben hatten sie ihr Tagewerk beendet und lagen in ihrer Hütte. Da brauste die wilde Jagd vorbei.
Sie hatten sie öfter gehört, waren dadurch gegen die Gefahr gleichgültig geworden und ahmten die Johorufe nach. Plötzlich kam ein gewaltig großes Stück Pferdebein mit übelriechendem Fleische in ihre Höhe gepflogen, und eine furchtbare Stimme rief: „Ihr habt mir geholfen jagen, drum dürft ihr auch helfen nagen,'' Von nun an konnten sie die Hütte nicht mehr benutzen vor lauter Gestank. Sie verlegten jetzt ihre Arbeit in die Langenhard. Aber auch dort vertrieb sie bald der wilde Jäger.
Quelle: Sagen des Westerwaldes, Herausgeber: Westerwald-Verein e.V.


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