Zwei Kreuze im Wald
Vor etwa 3 - 400 Jahren wurden die ersten Kreuzmale an dieser Stelle errichtet. Wenn sie durch die Zeit mürbe geworden waren, wurden von unbekannter Hand dort über Nacht zwei neue in den Boden gesetzt.
Im letzten Jahrhundert fand die Erneuerung nicht mehr statt, so daß heute nur noch die kargen Reste der letzten Erstellung von ortskundigen Leuten dort zu finden sind. Was für eine Bewandtnis hat es mit diesen beiden Kreuzen?

Ein langer, strenger Winter ging so um das Jahr 1600 über den Westerwald. Die Futtervorräte für das Vieh waren mit Ausnahme einiger Bauschen Stroh in allen Gehöften aufgezehrt.
Ein herrlicher Frühling zog nach dem bissigen Winter ein; aber noch gaben die Wiesen und Weiden der Ortschaften nichts her für die hungernden Viehmäuler.
Da mußten die Frauen und Mädchen hinaus in die Niederwälder Grünfutter suchen, um es zu Hause mit dem noch gebliebenen Stroh zu vermischen und die Stallbewohner damit zu sättigen. Auf wettergeschützten, sonnigen Stellen im Walde war das Gras schon kräftig hervorgeschossen.
An einem köstlichen Tage dieses Frühlings gingen zwei Schwestern mit ihren „Krauttüchern", die sie um die Krummsicheln geschlungen hatten, hinaus, um ihre Futtersuche zu verrichten.
Beide waren kräftig und stämmig und eine gehörige Last Futter im Krauttuch hätte ihnen auf dem Heimwege nichts ausgemacht. Im Herzen aber schleppten beide tagaus, tagein eine drückende Bürde, der sie trotz ihrer abgehärteten knocken- und muskelstarken Körper nicht gewachsen waren - die Eifersucht.
Beide liebten denselben jungen Mann. Die Schwestern wußten es beide, aber keine sprach mit der anderen darüber.
Der junge Bauer traf die Mädchen im Sommer und Herbst des vergangenen Jahres öfter bei der Arbeit in der Flur, wie es die Gelegenheit eben ergab. Er merkte den Herzenskampf der Schwestern, deshalb offenbarte er vorläufig seine Liebe nicht.
Er wollte die von ihm Geliebte nicht über das Leid der anderen erringen. Die Zeit würde schon Klarheit zwischen den zwei Mädchen schaffen, so glaubte er. Sie tat es, aber auf grausige Art.
Wenn die Schwestern auch kein Wort auf dem Wege zum Walde zusammen sprachen, so waren sie bei der Arbeit bald umso lebhafter im Gespräch über den, wovon ihre Herzen voll waren.
Keine gönnte ihn der anderen. Aus dem Gespräch wurde bald Zank, aus dem Zank ein tätlicher Streit. Beide schwangen in ihrer eifersüchtigen Wut die Sicheln gegeneinander.
Mit Wucht geführten Streichen schlugen sie sich gegenseitig in die Hälse. Hilfe war nicht in der Nähe. Zusammengekauert fand man sie verblutet nebeneinander liegen.
Als die Mutter den Tod ihrer Töchter erfuhr, hörte ihr Herz zu schlagen auf; tot sank sie zu Boden.
Der junge Geliebte aber blieb unverehelicht bis an sein Ende bei seiner verheirateten Schwester wohnen.
So ungefähr hat es mir der Pitter vom Hof, als ich noch einjunge war, erzählt. Pitter war damals ein Mann, den das Alter und die Arbeit schon sehr in die Erde hinabgezogen hatten. Ihm war das tragische Geschehen vom Letzten seiner Vorfahrenreihe überliefert worden, in deren Gedächtnis hatte sich das Ende dieser unglückseligen Leidenschaft der Liebe erhalten.
M. Eul, Rektor i. R., Irlich
Anmerkung: An einer Stelle irrt die Geschichte, denn heute erstrahlen die beiden Kreuze dank der Ortsgemeinde wieder im neuen Glanze. (siehe Artikel im Newsarchiv).


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